papperlapapp

Mediengestützte Annäherung an die Weltenrevolution

Noch einmal Griechenland, bevor das Thema vom ständig übervollen Tisch hintenrunterfällt.

Welt online zum Beispiel verfügt nun über eine Fotostrecke, deren Bilder angeblich die Aggression der Demonstranten und den versuchten Sturm des Parlaments belegen, und geradeso den Flammentod entkommenen erschöpften Polizisten. Besonders die letzten Bilder tauchen aus verschiedenen Kameraperspektiven auf, scheinen aber ein und die selbe Szene zu dokumentieren. Auch erscheinen auf einige die Witterungsverhältnissen ganz andere zu sein als gestern im regenwolkentrüben  Athen. Nach optischen Belegen für die aufgeregten Kommentare suchte man im gestern bereitgestelltem Material schon vergeblich, höchstens Übergriffe der Polizei gegen friedliche Demonstranten ließen sich da konstatieren, von wem, der die Besonderheit der Situation angesicht der nachgesagten Brenzlichkeit von Demonstrationen in Griechenland allgemein nicht gelten lassen wollte; unangemessenen Chemiewaffeneinsatz am Fuße des Parlaments (sehen Sie hier Bild um Bild) könnte der sehen, aber Stockschläge und Flaschenwürfe gegen die Polizei vergeblich suchen, wo der Kommentar sie behauptet. Eher fraglich für ihn, was die Polizei vor diesem Athener Jugendcafe veranstaltet [4].

Ein Filmmitschnitt von „Bloomberg“ vermittelt Einsicht von oben um eine von Polizei und Gaswolken gesperrte Straße zum Parlament, wo an diesem Tag über die Sparpläne Griechenlands beraten wurde.
Im Rücken der Sperre fällt eine steinewerfende Gruppe ein (als „Durchbruch“ andernorten [2] beschrieben, „den die Polizei nicht verhindern konnte“) und die Kamera von „Bloomberg“ [3] an exponierter Stelle mit Blick von oben über den Platz und mehrere Straßenzüge, fängt die Szene ein: Wie ein, schon zahlenmäßig nicht unterlegener, Polizeitrupp behäbig das Feld räumt. aufgeregte Frauenstimme  überschlägt sich fast, erinnert an 2008, als ein Teenager von der Polizei getötet wurde und nimmt dies zur Prophezeiung, dass auch diese Demonstrationen gewalt befürchten lassen müssen [3].  De r Platz wikt merkwürdig aufgeräut und menschenleer, friedlich, oder wie ein anderer fand „friedlich, kleinere militante Gruppen wie bestellt, extrem gestellter Eindruck.“

Und auch die Angreifer im Rücken der Straßensperre lassen sich mit zwei, drei Tränengasgranaten mühelos zurücktreiben.[3]

Sei es wie es sei, was nun zum Tod der drei Angestellten der Bank führte, kann mit Bildern noch immer nicht belegt werden.
Heute herrschte in der deutschen Massen-Media dennoch Gewissheit, dass die drei Menschen durch die Hand vermummter jugendlicher Brandsatzwerfer ums Leben kamen und protestierende  kommunistische Gruppen ihnen die Hilfe verweigern, weil sie in ihnen Streikbrecher sahen. Alle beziehen sich auf dpa, die Nachrichtenagentur vermeldet lediglich „in Erfahrung gebracht“, und auch BBC konnte sich gestern nur auf Angaben der Rettungskräfte berufen, die nach eigenen Aussagen erst eine Viertelstunde später eintrafen. Gestern nacht war dann die Übersetzung eines griechischen Bankangestellten online gegangen, die die Leitung der angegriffenen Bank beschuldigt, in einem feuerschutztechnisch völlig ungeeigneten Gebäude die Mitarbeiter festgehalten und mit Kündigung bei Auflehnung bedroht, außerdem Telefon- und  Internetanschlüsse gekappt zu haben. Dieses sei der Auslöser für die Demonstrationen, zu denennun die Bankgewerschaften aufrufen.

Deutschlandfunk („Hintergrund“ [1])
bezieht sich auf „die dramatischen Bilder, die das griechische Fernsehen zeigte, aber auch die Zeugenaussagen der Feuerwehr“. Diese bestätigten „zumindestens den Verdacht, dass die Autonomen die Bank absichtlich in Brand gesetzt und noch Benzin nachgeschüttet hatten, während die Demonstranten der Protestkundgebung“ (die aber Straßenzüge weiter stattgefunden haben soll, nach anderen Meldungen) „nichts oder zu wenig taten, um die von den Flammen überraschten Angestellten zu retten.“, und legt nahe: „Die grenzenlose Wut der Autonomen, die schon vor anderthalb Jahren Athen fast zehn Tage lang in Atem gehalten hat, vermischte sich hier mit der ebenso grenzenlose Wut der Gewerkschafter.“

Auf deren Protestkundgebung auf dem Syntagma-Platz findet der Sender auch „Angehörige der kommunistischen Gewerkschaft“ demonstrierend, „wieder einmal, gegen die Maßnahmen, welche die griechische Wirtschaft sanieren sollen.“ und macht sich „unter einem der Lautsprecher, aus denen Musik vom nationalen Komponisten Mikis Theodorakis klingt“, an drei Frauen heran. „Jede von ihnen schwingt eine schwarze Fahne. Sie ahnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass nur wenige 100 m vom Syntagma-Platz entfernt, sehr bald dramatische Szenen die Protestkundgebungen in ein völlig neues Licht rücken werden.“ Der Deutschlandfunk weiß das da allerdings auch noch nicht, ist aber  listig genug, am nächsten Tag im Schnitt des Beitrags diese Geschehnisse miteinander zu konfrontieren: Die „wenige 100 Meter“ vom Platz, wo „sehr bald“ „dramatischen Szenen“, die „ebenfalls zwei Frauen, eine von ihnen schwanger, und einen Mann, in den Feuertod jagten“ und den Gewerkschaften, die „immer wieder betonen, mit den Autonomen, den Tätern aus dem autonomen – es folgt der Name eines Vorortes Athens, der wegen seiner angeblichen Gewaltbereitschaft klingt – nichts, aber dann auch wirklich gar nichts zu tun zu haben.“

Im Mitleidig über soviel Kurzsichtigkeit („noch sehen die drei Frauen am Syntagma-Platz an diesem Tag nur einen einzigen Grund zum Trauern:“) klingt dann die Erklärung der Demonstrantinnen höchstens nach bolschewikischen Klassenkampf:  „Unser Ministerpräsident hat uns gesagt, dass wir einen Teil unserer Souveränität verloren hätten –  dass wir Untertanen des IWF geworden seien. Deshalb trauern wir mit schwarzen Fahnen, weil wir keinen Staat mehr haben, und auch keine Fahne. Weil wir Untertanen geworden sind.“

Ja sicher, selbst Schuld, wer ausgerechnet hier Objektivität sucht, oder gar Solidarität. Die Wahrheit läßt sich so leicht nicht wegpacken, und so sickern auch immer wieder Informationen durch.

Der Euro ist die neue Wehrmacht der Deutschen, vermutet, wer online sich informiert, (hier und hier und hier auch) und jüngst blogte ein Griechenlandkenner eine Reisewarnung für Deutsche in Griechenland. Es geht darum, dass Deutschland die Einhaltung der Kriterien in Europa kritisch überwacht, sich selbst aber nicht einen Deut darum gescheert zu haben, sich „hintenherum“ gesundgefastet hätte (Hartz4Empf., Dumping- und Kurzarbeiter, ungebildete Schulabsolventen haben das gemerkt) und sich damit einen Vorteil vor den anderen verschafft zu haben.

Noch unlängst blärrte doch Brüderle: „Wir werden genau hinsehen!“ – wenn Griechenland „saniert“? (download mp3?) Kam nicht auch Merkel letztens zur Konsequenz „Jetzt ist Schluss mit Augenzudrücken!“ Vielleicht ganz außer Acht, dass es Deutschland war, wegen dem zuerst die Augen in der EU zugedrückt wurden? Wie peinlich.

Aus dem Beitrag von Deutschlandfunk sickern dann auch genügend Anhaltspunkte dazu hinzu:
Der Gouverneur der Zentralbank im Fernsehen auf das Kopfschütteln im Lande, dass keiner etwas gemerkt haben will: „Auch wenn die Aufgabe des Gouverneurs der Europäischen Zentralbank () nicht sein kann, auf die Straße zu gehen um auszurufen, dass etwas schief läuft – er war genauestens informiert über das sich abzeichnende Desaster und ich kann Ihnen versichern, dass er direkt und indirekt bei den verantwortlichen Politikern mit Ratschlägen interveniert hat. Ebenfalls kann ich Ihnen versichern, dass die EU Kommission die diversen Empfänger auf die eskalierende Gefahr im griechischen Finanzsektor aufmerksam gemacht hat.“

Der Präsident der Athener Handelskammer im Interview, über die Strukturprobleme der griechischen Wirtschaft – „niedrige Steuerquote, die Steuerhinterziehung und die grotesken Defizite in Verbindung mit dem unkontrolliert fließenden billigeren Geld und völlig verantwortungslose(n) Politiker(n)“ und über ein Volk – „plötzlich mit sehr billigen Geld konfrontiert“. Erwachenden Begehren. Nur im Nebensatz die „am Rande der Legalität reich gewordenen Griechen () mit ihrer besondere Vorliebe für teure Autos aus Deutschland“ aus den „Struktur-Problemen ausgeschlossen, aber wohl mit als Grund erachtet dafür, „dass auch die deutsche Politik lange Zeit nicht allzu genau nachfragen wollte, was denn mit den Milliarden aus den Strukturfonds geschah.“

Und auch Deutschlandfunk weiß:  „Selbst die getürkten Zahlen aus dem Land der Griechen waren bereits so verheerend, dass in Frankfurt und in den Hauptstädten der Währungsunion eigentlich alle Alarmglocken hätten Leute müssen. Bereits im August 2008 zeichnete sich ab, dass das Defizit gegenüber den gerade noch erlaubten 3 % vom Bruttoinlandsprodukt über 6 % betrug. Bei der damals festgestellten Tendenzen musste man zwangsläufig auf 12,5 % für das Jahr 2009 schließen.“

Ja. Zahlen

Sein Anliegen kann der Sender eher mit Fleisch erfüllen. Und auch von hier soll keine Botschaft ausgehen, es gebe etwas Beachtenswerteres als Menschenleben. Am Ende schließt der Sender mit der Überzeugung, die Griechen würden schon davonkommen; eine Austritt aus der Währungsunion oder gar der Gemeinschaft insgesamt prophezeit er als Selbstmord; weiß aber auch von eigenen Interessen:
„Es geht also darum, das geschwundene Vertrauen in die griechische Wirtschaft mit allen Mitteln wiederherzustellen, damit das Vertrauen in Europa als Ganzes nicht vollends verloren geht. Also müssen die Verbündeten Griechenlands und Griechenland gute Miene zum bösen Spiel machen und durchhalten. “

Die Skepsis des griechischen Gewerkschaftlers kann Deutschlandfunk nicht nachvollziehen. Der schimpft: Ein Angriff auf die Arbeiterklasse! „Die Regierung und die EU und der Internationale Währungsfonds versuchen, diese Maßnahmen durchzuboxen mit dem Hauptziel, die Voraussetzungen für eine neue Ära für Profite zu schaffen“

„Damit Merkel und die anderen unser Land unterstützen, müssen wir Rüstungskäufe für 17 Milliarden €uro unterzeichnen!“, hätte der Sender verstehen können[1]…

…………….
Quellen:

[1] Deutschlandfunk, Sendung „Hintergrund“, 6. Mai 2010, 17:40 als mp3 download oder zum Anhören

[2] BBC-clip auf youtube

[3] „bloomberg“ – clip auf youtube

[ ] BBC und Bloomberg auf einer Sete (ohne Werbung)

[4] Polizei demoliert ein Jugendcafè in Athen auf youtube

[5] Artikel über den Falschspieler Deutschland

[ ] Hierin die Übersetzung des Briefs des Bankangestellten

[ ] Größerer, umfangreicherer Artikel über den Falschspieler
Weiteres:
Europas Finanzschwierigkeiten positiv für Finanzierung des US-Defizits

Veröffentlicht in Augenwischer. 1 Comment »

Eine Antwort to “papperlapapp”

  1. ebook leser Says:

    Die Griechenland-Krise hat den Dow-Jones-Indes zwischenzeitlich um über neun Prozent einbrechen lassen. Das war der größte Absturz innerhalb eines Handelstages seit Bestehen der New Yorker Börse. Das zeigt, dass der Fall Griechenland längst die ganze Welt infiziert hat. Ich glaube die Politiker wissen auch nicht, wie es weitergeht.


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