Coming Home

– es gibt kein richtiges Leben im falschen

Die Angst ist die Flamme unserer Zeit
und die wird fleißig geschürt.
Sie verbrennen dich mit ihren Zungen und ihrer Ignoranz
dicke freundliche Herren
bitten per Television zur Jagd.
Tausende
zum Feindbild verdammt
halten sich fürs Exil bereit.

Die Schlupfwinkel werden knapp, Freunde.

Höchste Zeit
aufzustehn!

 Konstantin Wecker - aus "hexeneinmaleins"

Fast jeder kennt einen; einen Beneideten, der es geschafft hat in den vergangenen 30, 40 Jahren den vermeintlichen Segnungen der Zivilisation den Rücken gekehrt zu haben und in ein Land ausgewandert zu sein, dass wir anderen nur aus dem Urlaub kennen. Der unter Palmen am Meer unter dreivierteljährlich scheinender Sonne ein sorgenfreies Leben führt, der braungebrannt und agil hier hin und wieder vorbeischaut, uns zum Hohn, wie uns scheinen möchte, und sich schon wieder auf die Rückkehr freut – in die neue, so fern erscheinende Heimat.

So fern muss die oft nicht sein. Mit wenigen Auto-Tagesfahrten kann er sie erreichen. Es wird hunderttausende Deutsche im mediteranen Europa allein geben, die solch Leben zu führen sich wagen.
Der Autor dieser Zeilen hat selbst einige Jahre am Mittelmeer verbracht und sich das Leben derart gut gefallen lassen. Es gab genug Jobs für einen einigermaßen kräftigen und verlässlichen Mann, von deren Erlös man einigermaßen über die Runden kam: Lebensmittel waren billig und gut, das Klimae produziert Überschüsse, selbst die wilde oder verwilderte Natur führt ausreichendes Angebot, dass man über kürzere Durststrecken eine, wenn auch entbehrungsreiche, aber nicht bedrohliche Existenz führen konnte. Schlechtwetterperioden waren selten, die zwei, drei Wintermonate mit Temperaturen um die 15° bei Tage und 10 des Nacht verbrachte man eben in Decken eingehüllt oder man ging in dieser Zeit zeitig schlafen. Viele hatten ohnehin keinen Strom.
Dafür bekam er ein Leben unter einer himmelblauen Kugelhälfte mit einer stets verlässlichen Sonne, eine nie vorher gesehene und nie ganz bekanntgewordene Flora und Fauna, die ansteckende Lebensfreude der mediterranen Menschen.

foto: uwe malandro

Einige dieser einstigen Aussteiger sind ihrem Ideal untreu geworden, sei es aus Verzweiflung über dieses zugleich verzichtenmüssende Leben, sei es, weil auch bei höher stehender Sonne eigene Schatten unüberspringbar bleiben.
Die meisten aber leben von der Hand in den Mund, jobben unterbezahlt ein paar Stunden am Tag oder in der Woche, haben kein richtiges Dach überm Kopf, sind nicht krankenversichert, nicht polizeilich gemeldet. Der Geist des Gesetzes der Europäischen Niederlassungsfreiheit enthebt dies zudem der Illegalität. Sie leben in ausgedienten Landarbeiterkaten, in freistehenden Scheunen oder in mitgebrachten Wohnwagen, großflächig verteilt, wenige in Komune, mehr individuell und, zumindest die Deutschen, landsleute-phob. Was sie vereint ist ihr Verständnis von einem natürlichen Leben und ihr, vielleicht unbewusstes, Verwandtschaftsverhältnis mit der Natur. Sie beackern lieber lieber mit einem Grabstock ein kleines Stück sonnenverdörrtes Land, dass ihnen ein für seine Profission zu alt gewordener Bauern zu einer geringen Miete überlässt, sie sammeln lieber Schnecken oder ernten Muscheln im Meer, als sich in Deutschland in der Harz-IV-Schlange zu sehen. Denn das es um ihre Vermittelbarkeit hier schlecht steht, ahnen sie schon dort.

Aber auch dieses Lebenskonzepte wird der Europäischen Neuordnung nicht widerstehen können. Die Roma in Frankreich können bereits davon sagen. Italiens Innenminister schwingt sich auf Trittbrett, wobei er stolz erklärt, dass Sarkozie nur abgekupferte, was Italien schon seit Jahren vergeblich und missachtet forderte. Bei einem Treffen europäischer Innenminister am 6. September in Paris solle das Thema nun wieder auf den Tisch. „Der italienische Innenminister Roberto Maroni hat eine härtere Gangart gegenüber Nicht-Italienern in seinem Land gefordert. Ausweisungen von EU-Bürgern müsse möglich sein, wenn diese die Standards nicht erfüllen, sagte Maroni in einem Interview. „, berichtete am Samstag das Nachrichtenonlineportal des Schweizer Fernsehens. Der „Rechtspopulist“ ziele damit wohl hauptsächlich auf die Roma, versteht SF, und zitiert weiter: „Das gelte natürlich nur für jene, die Vorgaben ihres Gastlandes nicht erfüllten. Etwa weil sie keine Mindesteinkommen und entsprechende Unterkünfte nachweisen könnten und dem Sozialsystem zur Last fielen.“

Nur letzter Passus gilt nicht für die „Aussteiger“ – seien sie deutsch, holländisch, dänisch, französisch, belgisch, zunehmend polnisch oder ukrainisch. Wer von woanderswo (aus der EU) kommt, bekommt keine Stütze im Gastland – es sei denn, er war dort einen ausreichenden Zeitraum in fester Anstellung und hat Steuern gezahlt.

12 000 Roma verlassen Italien – vermeldete gestern SF. Denen mangelt es gar an einem Vaterland, sie werden in ganz Europa nicht gemocht. Es wird dann sehr gut dem Eindruck der „Zigeunerfeindlichkeit“ entgegengearbeitet werden müssen – und dabei sicher auch die unkonventionellen Lebensversuche von Belgiern, Holländern, Briten, Österreichern oder Deutschen unter die Lupe kommen.

Die Schlupfwinkel werden knapp, Freunde.

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