Jubelfeiern, und wie man daraus erwachen kann

Ein Déjà vu

Das hab ich vielleicht schon einmal erlebt: Dass draußen eine große Sache Gestalt annimmt, während die Administration ungerührt Jubiläumsfeiern veranstaltet, in denen sie sich, von der Straße her des Verates am Volk geziehen und eigentlich zur Rede gestellt, scheinbar unbeeindruckt als großartig auf die Schulter klopft und Wiegenfeste von Ereignissen feierte, die zum herrschenden Alltag keinen Bezug mehr hatten; und ich nicht genau sagen kann, warum sie damit Unrecht tun; damals, wie heute, sind es die nicht mitverschuldeten Umstände, die mich an der nötigen Informationsbeschaffung hindern – damals, weil ich mich zusätzlich in einem weiteren Ring der Informationsabwehr befunden hatte, den die Gleichschrittpresse und der Staatsschutz der DDR ohnehin geschaffen hatte, heute, weil wirtschaftlich Zwänge mich vorm eigenen In-Augenschein-Nehmen in Stuttgart – keine 350 km von hier – hindern; während damals wie heute nur spärliche Informationen durchkommen, deren Absendern man darüberhinaus grundsätzlich zu misstrauen hat – hinter Kasernenmauern damals, wo ich mich zur „Absolvierung des Grund-Wehrdienstes der Nationalen Volksarmee“ 1989 befand – unter der Flut einströmender, sich gegenseitig aufhebender Informationen heute, – die die grundsätzlichen Wahrheiten aber gleichwohl ausschließen;
So ist es eher mit dem Gefühl als mit einer ausgedehnten Recherche zu belegen, dass „der Protest gegen S 21“ mich an die Wende in Ostdeutschland erinnert.

Die „Nachrichten“ für den zu Informierenden sind die gleichen: Abfälligkeiten gegen die aus den Tritt geratenen, Stigmatisierung und Diffamierung ihrer Intentionen; im Osten waren das „fehlgeleitete Ausreisewillige“ – so begann die Bewegung – (montägliche) Treffs vor einer Leipziger Kirche derer, die einen Ausreiseanreag in die Bundesrepublik gestellt hatten, (und deren Symbol ein fast unsichtbares, polizeilich verboten und verfolgtes weißes Schleifchen an der Autoantenne war) – Aufrührer, Volksverhetzer, „lanciert vom Klassenfeind – imperialistischer Kreise der BRD“.

So abgetan, ließ man die wenigen draußen stehen: „Denen weinen wir keine Träne nach!“ – ein beliebter Spruch des Zentralrats der DDR damals; verschloss sich trotzig des Dialogs, weil man sich für den Inhaber der Wahrheit hielt oder über die längst nicht mehr nachdachte, bis eine Volksbewegung entstanden war; sehr viele konnten sich „plötzlich“ leicht mit den Problemen und Träumen derer identifizieren, die unter einer „unfähigen“ und sich des Dialogs verweigernden, betriebsblinden und völlig realitätsfernen Administration für sich und ihre Kinder keine Chance mehr sahen; und schnell war so parallel der Ruf „Wir bleiben hier“ und „W I R sind das Volk“ demo-laut geworden (die DDR-Führung legitimierte ihre Politik mit diesem Slogan: „Alles für das Wohl des Volkes“) – was freilich umso dringlicher Reformen großen Ausmaßes unumgänglich machte; nicht einmal ein Personalwechsel konnte am Ende dem Zorn des Souveräns Genüge tun, was das fatale Sich-dem-Falschen-in-die-Arme-werfen des kleinen, kurzzeitig freien Teil Deutschlands vorantrieb;
Lernstoff! Die Generalprobe des Stücks: Demokratisierung Deutschlands – vor 20 Jahren .

Selbst die Bilder der Proteste gleichen sich, wenn man die der Prügelorgien der Polizei in Stuttgart ausspart; – und das Selbstverständnis auf den Transparenten ist das gleiche: W i r sind das Volk!  „Ohne uns seid Ihr ein Nichts! Wir sägen an Eurem Ast!“.

Gestern hat es im ganzen Land Menschen zu Demonstrationen gerufen, ihre Solidarität zu bekunden; viele können sich offenbar bereits mit den Sorgen und Träumen der „Stuttgarter“ identifizieren.

Update So. 3. 10. 10, 19h
mmnews.de 03.10.2010 – „Deutschland ohne Verfassung. Eklat vor dem Brandenburger Tor in Berlin am Rande der Einheitsfeier: Die Polizei verhindert das Zeigen eines Transparents, auf dem eine Verfassung für Deutschland gefordert wird.“ weiterlesen…z. B. die Kommentare dort (!)

Veröffentlicht in Mit anderen Augen. 4 Comments »

4 Antworten to “Jubelfeiern, und wie man daraus erwachen kann”

  1. Holla Says:

    Die haben Angst Ihre Macht zu verlieren, Gewalt gegen das Volk ist das letzte Mittel,dieser „Menschen“.
    Wie 1989 !!
    Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“
    Mahatma Gandhi
    Schöne Grüße aus Sachsen

  2. Wanderer Says:

    Auch ich bin für Veränderungen. Wir müssen uns aber eingestehen, dass wir als Volk keinerlei Rechte haben. Hätten wir welche, gäbe es z.B. Direktwahlen. Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Parteienlandschaft. Wen soll man denn wählen? Es ist immer der gleiche Sumpf mit den immer gleichen Ergebnissen. Die Regierung ist zu einer habgierigen Kaste verkommen, die jeglichen Bezug zur Realität verloren hat. Um Proteste zu unterbinden wird viel getan. Angefangen von Versammlungsverboten über Maulkörbe bis hin zur Meinungsmache in den Medien, folgt alles einer scheinbar höheren Ordnung.


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