Klammeraffen

Man wollte es sich eigentlich ersparen. Abgehakt! Und das Damoklesschwert seiner Kanzlerschaft nicht mehr über unseren Häuptern! Wie eingeschnappt der aussah, würden wir ihn nie wiedersehen…

Doch noch peinlicher als der Mann ist ja die Reaktion auf ihn.

Dass Merkel keine Intellektuellen braucht, war ja schon klar. Spätestens der Klimagipfel 2009 in Kopenhagen hat gezeigt: In der Deutschen Politik herrscht der Glaube, die Religion – nicht die Wissenschaftlichkeit.

„Immer mehr Vorwürfe gegen Karl-Theodor zu Guttenberg (39, CSU), bei seiner Doktorarbeit geschummelt zu haben…“ Morgenpost (17. 02.)-Leser verstehen da möglicherweise etwas wie bei Klassenarbeit abgucken oder 10 Euro über den erlaubten HartzIV-Zusatzeinkommen zu verschweigen? Ob er bei den Soldaten in Afghanistan Trost suchte, würde die MOPO gern noch wissen.

Nun weinen Hausmütterchen im Radio – deren Kinder vielleicht selbst nicht weit gekommen sind, weil die Eltern nicht „blauen Blutes“ sind, keine Beziehungen, kein Geld für Ghostwriter und Titel fürs Söhnchen haben, ihn zur Redlichkeit erzogen hatten; haben solch großes Bedauern. Schluchzen Backfische verräterisch ihre Schulbildung um Gutti heraus, während der deren Schulgeld in der Welt verballert – verballern läßt;

Christiane Hoffmann von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung berichtet während einer Diskussionsrunde im Deutschlandfunk am Abend nach seiner Verteidigungsrede im Bundestag (23. 02.) von Beschimpfungen der Redaktion und der „linken Journaille“ überhaupt durch ihre Leser für die kritischen Auslassungen über Guttenberg .[1]

Die Bild-Zeitung, in der Runde vertreten durch Leiter des Hauptstadtbüros Zeitung, hält ausgerechnet in diesem Fall den Bürgerwillen für die Richlinie moralischen politischen Handelns. Die Bild vertrete ausdrücklich ihre positive Meinung zu Guttenberg – der Zuspruch seitens der Leser bilde damit die Meinung der Menschen des Landes ab.[1]

Die Runde kann sich wundern – dem widersprechen kann sie nicht.

Tissy Bruns vom „Tagesspiegel“: „Wir sehen doch an Guttenberg etwas ganz Schreckliches! Ich konnte sehr oft nachvollziehen, warum er solche Beliebtheit bei den Leuten hat – die Art, wie er redet, wie er auftritt und so weiter – es erreicht mich nicht wirklich, aber ich hab ein Gefühl dafür! Jetzt erleben wir, wie dieser Mensch sich wirklich von einem angeblichen Klartext-Redner, der er vielleicht auch nie so war, zu einem wirklich Orwell-Redner entwickelt, der jedes Argument, sozusagen, in sein Gegenteil verdreht: Er sagt Demut – und maßt sich an, selber darüber zu entscheiden, ob er diesen Doktor noch führt oder nicht – darüber hat nur die Universität zu entscheiden! Er sagt: Ich habe einen Fehler bekannt – in Wahrheit ist er bei einem erwischt worden; und es handelt sich auch nicht um einen handwerklichen Fehler – sondern um eine Täuschung! Und diese schrecklichen, ich finde wirklich schrecklichen populistischen Demagogien , zu denen er sich verurteilt hat, weil er an diesem Amte festhält, obwohl er eine Regelverletzung begangen hat – das finde ich einen ganz scheußlichen Prozess, der mich sehr beunruhigt.“[1]

Annette Rammelsberger von der „Süddeutschen“, der Diskussionsrunde aus München zugeschaltet: „Ich spüre immer wieder ganz stark, dass so dieses Gefühl sich einschleicht, da wird eine Majestät beleidigt – jemand, der über den Regeln des Politikbetriebs steht. Als wenn es so in einem vordemokratischen System – na ja, als wenn da der Heilsbringer irgendwie angekratzt würde – das spüre ich auch bei  Kollegen, aber natürlich noch ganz, ganz stark in unseren Leserbriefen. Also,wir haben gestern eine Umfrage in der CSU Basis gemacht gemacht und auch Landräten und Landtagsabgeordneten, Bundestagsabgeordneten – das ist alles völlig klar: „Wie könnt ihr so kleingeistig an diesem Mann herumkritteln?
Die Frage ist aber dann nur: Gibt es wirklich zweierlei Maß? Werden Messiase anders behandelt als der normale Professor oder der Banker, oder eben auch der Mann, der sich vor Gericht verantworten muss, weil er eben gegen die Gesetze verstoßen hat und gegen die Richtlinien und Regeln?“[1]

Nikolaus Blome, Bild-Zeitung: „Es hat, glaube ich, wenig Sinn, jenen, die in der Bevölkerung, also mit großer Mehrheit, Guttenberg hier die Stange halten und ihn weiterhin gut finden, zu unterstellen, sie hätten irgendeine Sehnsucht nach einem messianische Menschen oder nach vordemokratischen Zuständen.“

Das ist gut eine Woche her; mittlerweile ist Gutenberg zurückgetreten.
Auch die Kölner Karnevalisten äußern am Montag ihre Enttäuschung. Für sie kam der Rücktritt genau eine Woche zu früh. Nun sei der Themenwagen mit dem Pappguttenberg überflüssig geworden.

Doch nun formiert sich scheinbar der Souverän.
Spiegel, gestern: „Doktorwürde erschummelt? Glaubwürdigkeit passé? Was soll’s! Die Pro-Guttenberg-Welle rollt und rollt. Im Internet fordern Hunderttausende sein Comeback, am Wochenende wollen die Fans des CSU-Politikers auf die Straßen gehen.

Im Internet platzen die Unterstützer-Gruppen aus allen Nähten, bei Facebook fordern Hunderttausende seine Rückkehr, am Wochenende wollen die Hartgesottenen ein paar Städte mit Demonstrationen überziehen. Dass der Christsoziale sich seine akademischen Würden erschummelte, von seiner politischen Glaubwürdigkeit nicht mehr viel übrig ist, manche ihn gar für einen entlarvten Betrüger halten – für Guttenbergs Jünger spielt das keine Rolle.
Im Gegenteil. Sie sehen Guttenberg als Opfer. Der Medien. Der Neider. Des kleinkarierten Spießertums.“

Ja – und selbst seine „Weltläufigkeit“, sein Über-den-Dingen-stehen, die Gesundheit und Dandyhaftigkeit, die er ausstrahlt, verdankt er dem Vermögen seiner Sippe – sich anzueignen, was ihnen nicht gehört?

„Mehr als 500.000 Netzfans wollen Guttenberg zurück“ – so weiter Spon.
„Wohl kaum eine deutsche Facebook-Seite hat in so kurzer Zeit so viele Unterstützer hinzugewonnen wie die Seite „Wir wollen Guttenberg zurück“. Rund 510.000 hatten am Donnerstagmittag per Mausklick für ein Comeback des zurückgetretenen Verteidigungsministers gestimmt – das sind immerhin gut drei Prozent aller deutschen Nutzer des sozialen Netzwerks….Hier das volksnahe Idol, da die graue Politikerkaste. Es ist eine Art Heldenverehrung. Ein Kult. Und manch einer glaubt an baldige Erlösung: „Er wird wiederkommen, stärker als vorher“, ist sich ein Fan sicher.
Der virtuelle Hype soll nun auch auf die Straße getragen werden. Per Facebook haben sich Guttenberg-Freunde aus ganz Deutschland am Samstag zu Demonstrationen verabredet. Zeitgleich wollen sie ihr Idol um 13 Uhr unterstützen. Rund 20 Städte umfasst die Liste, in praktisch allen Regionen Deutschlands finden sich Menschen, die für den 39-Jährigen marschieren wollen. Hamburg, Berlin, München – auch im oberfränkischen Guttenberg, dem Heimatort des Freiherrn, ist eine Demo geplant…“

Hatte nicht neulich noch einer angedeutet, man könne dem Deutschen die Verantwortung für demokratische Prozesse – wie Volksentscheide etwa – nicht zumuten?

Medienstratege.de hat die Einträge bei Facebook angeschaut. Wie er sagt, anfangs ohne Argwohn – anders, als der Blogname vielleicht vermuten lässt. Auf seiner Seite rechnet er:

„Die Affäre um Karl-Theodor zu Guttenberg bewegt viele Menschen. Aber soll seinen Anhängern in zwei Tagen gelungen sein, was Dieter Bohlen und sein DSDS-Team in neun Jahre nicht geschafft haben? Trotz der vielen, vielen wohlwollenden Artikel in der “Bild”-Zeitung? Rund 145.000 Fans folgen der DSDS-Seite. Sie hat dazu neun Jahre gebraucht. Und nun soll es Fans von Herrn Guttenberg geschafft haben, die schon stattliche DSDS-Zahl in zwei Tagen zu übertreffen? Unmöglich.“

Er analysierte die Einsendungen eingehender (alles hier – man lese diese nüchterne Recherche). Am Ende ist er sich sicher – die Seite „Wir wollen Guttenberg zurück“ kann nur ein Auftragswerk sein.

p.s. Es soll nicht der Eindruck entstehen, man sei hier definitiv bei der innersten Puppe angelangt – um das Bild mit den russischen Puppe-in-der-Puppe – „Matrioschka“ – zu bemühen. Nicht möglich, dass die uns erfahrene Einsicht wieder nur ein Teil des Spiels ist – und hinter der „Demontage“ Guttenbergs erst der richtige Hammer hängt?

Update 5. 3. 23:30, Stern.de: „Pro-Guttenberg-Demos: „Du hast die Haare schön“ – Auf Facebook-Gruppen sah es so aus, als entstünde nach dem Guttenberg-Rücktritt eine Art Tea-Party-Bewegung. Doch bei den Demos am Samstag waren hauptsächlich Spaßvögel unterwegs…“ mehr dort
…………
Quellen

[1] Deutschlandfunk, 23.02. 19:15, Sendung: Zur Diskussion – „Noch nicht abgeschrieben: Der Fall Guttenberg im Wahlkampfjahr. mp3 zum Anhören/Downloaden

Medienstratege.de: „Alles nur ein Fake – neue Indizien auf gefälschte Guttenbergfans“

Alexandra Bader, ceiberweiber.at: „Bild-Zeitungs-LeserInnen und Guttenberg“

Spiegel, 3. März 2011: „Fangemeinde will für Guttenberg marschieren“

Morgenpost, 17. Februar 2011: „Hitzige Debatte um Mogel-Baron“

Veröffentlicht in Tag um Tag. 1 Comment »

Eine Antwort to “Klammeraffen”

  1. eiopa Says:

    So, der Guttenberg ist nun Geschichte. Jetzt wollen wir mal hoffen, dass wieder etwas Ruhe in die Geschichte kommt und sein Nachfolger sich um seine eigentliche Aufgaben kümmert. Das ist vor allem der Rückbau der Bundeswehr und der Abzug der Soldaten aus Afghanistan. Die Soldaten hätten dies wirklich verdient.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s